Sexualaufklärung im Diskurs

Wie soll der Diskurs über die Sexualpraktiken aussehen? Im Deutschen existieren treffliche Begriffe, die hier weiterhelfen: Der Sprachgebrauch unterscheidet zwischen Sexualaufklärung, Sexualerziehung und Sexualpädagogik.

Sexualerziehung: Literatur und Comics

Ein sehr schönes Beispiel der Sexualerziehung liefert das Buch von Veluire et Siguret, Les adolescents et la sexualité : 101 questions de mère. (Jugend und Sexualität, 101 Fragen für Mütter)
Dieses Handbuch bietet den Eltern eine wertvolle Hilfe für ihre eigenen Verhaltensweisen sowie die ihrer Kinder.

Es hilft der innerfamiliären Sexualerziehung auf den Sprung, die sich direkt an die Eltern richtet, insbesondere an die Mütter, um besser auf die Fragen ihrer Kinder, vor allem der Mädchen, eingehen zu können. Ebenso muss anerkannt werden, dass die hier mehrfach schon kritisierte profa auf Ihrer Homepage immerhin in diese Richtung sehr zverbreitet. Die eigentliche Sexualerziehung geschieht vornehmlich zu Hause im engeren Familienkreis und nicht in der Schule. Es muss zugegeben werden, dass die Sexualerziehung angesichts der elterlichen Beziehungsprobleme und deren oftmals chaotischen Kinderstube vielfach bruchstückhaft und unvollständig ist und deshalb auch für die eigenen Kinder sehr bruchstückhaft bleibt. Umso erfreulicher ist des deshalb, wenn die Jugendliteratur den Eltern die Hand anbietet. Ich denke hier an die ComicSerie Lili et Max « Lili se fait piéger sur Internet » (Lili wird auf dem Internet überrumpelt) oder « Max ne pense qu’au zizi » (Max denkt nur noch an seinen Penis). Diese Comics erleichtern den Eltern den Einstieg in die Sexualerziehung; sie lernen dabei, was ihre Kinder besonders beschäftigt und sie erfahren zudem, wie sie als Eltern gefühlsmäßig reagieren und sich dementsprechend verhalten sollen. Dann gibt es in Amerika Programme für Eltern mit pornobeladenen Kindern wie curethatcraving.com.

Die Sexualaufklärung hingegen handelt von der Sexualität in einem ganz anderen Sinn. Es geht dort vornehmlich darum, dass die Jugendlichen wissenschaftlich korrekte Aussagen über die Sexualität und die Fruchtbarkeit bekommen. So wird z. B. in sexwecan.at die Klitorisgrösse und –form beschrieben: Die Klitoris führt neben der Scheide entlang bis in die Beckenbodenmuskulatur hinab und beschränkt sich nicht auf ein Paar sichtbaren Millimeter. Die Beschreibung über diese Verwurzelung der Klitoris ist Sexualaufklärung im Klartext. Sexualaufklärung will mit alten Vorurteilen aufräumen und soll der Person eine Hilfe beim Verständnis der Lebenszusammenhänge, beim Erschließen ihrer Erfahrungshorizonte sein. Der Jugendliche findet solche Informationen gewöhnlich in Jugendjournalen, in Jugendschriften, auf bravo.de oder was den Zyklus der Frau anlangt, in E. Raith-Paulas “Was ist los in meinem Körper”?

Die Westschweizer sind sehr stolz auf den Comic-Zeichner Zep. Ich muss mich allerdings über seinen Comic Guide du zizi sexuel32 schämen. Darin wird die Eizelle als dicke, aufgeblasene Matrone dargestellt und die Samenzellen als freche Jungs, die Wettlauf spielen. Von Samenzellen mit weiblichen Gameten hat Zepp offensichtlich, und die profa, welche diese Schrift unterstützt hat, noch nichts gehört. Diese Aufklärungsschrift erhielt zudem in Paris in der Presse großes Lob, doch niemand hat auf diese krasse Fehlinformation hingewiesen. Es findet einmal mehr eine Fehlaufklärung statt. Besonders verheerend sind also als Sexualaufklärung daherkommende Fehlaussagen, die sich über die Jahrzehnte in den Gehirnen besonders tief verankert haben. Ein anderes horrendes Negativbeispiel trifft man auf der von profa.ch angegliederten Site ciao.ch. Eigentlich wäre dieses Portal die ideale Gelegenheit, um der Jugend brauchbare wissenschaftliche Informationen zu vermitteln, doch punkto Frauenzyklus werden lauter Vorurteile zementiert. Z. B. heißt es da: „Die Frau kann an jedem Zyklustag schwanger werden.“ Auch das Lebenselixier (Zervikalschleim) existiert dort nicht.

Auf dem Deutschschweizer ciao.ch-Portal wird wenigstens eine rudimentäre Erklärung über die symptothermale Methode abgegeben, nicht jedoch auf der Westschweizer! Analog dazu treffen wir im Biologieunterricht, der schließlich die biologischen Zusammenhänge des Frauenzyklus erklären sollte, auf eine katastrophale Situation.

Man glaubt sich zurückversetzt in ein Mittelalter, das auf das Aufklärungsjahrhundert wartet. Es ist auch hier wieder eindeutig die staatlich geschützte Biomacht der Pharma, welche falsches Wissen durchdrückt, um ihre Ideologie abzusichern. Zu einer ehrlichen Sexualaufklärung gehören z. B.: die richtige Beschreibung des Orgasmusreflexes, der fälschlicherweise als Orgasmus bezeichnet wird (vgl. III.3), der Prostatamassage usw., für die sich die Literatur zu interessieren beginnt.

Schulische Sexualaufklärung

Wie sind solche Inhalte in die schulische Sexualaufklärung einzubetten, welche Sprache ist dazu geeignet?

Einerseits soll sich dieser Diskurs auf wissenschaftliche Ergebnisse abstützen, anderseits soll er sich nicht aus wie auch immer „didaktischen oder pädagogischen“ Gründen auf ein paar oft falsche, unvollständige oder entstellte biologische Erklärungen verkürzen. Angesichts dieser frustrierenden Entstellungen ist es nicht verwunderlich, wenn sich die Jungs die oft – grundfalsche – Sexualaufklärung im Porno suchen. Diese Suche nach echter Aufklärung nimmt auf Pornoclips zurzeit massiv zu.

Weshalb schalten unsere Gesundheitsbehörden nicht wie in England und Amerika auf diesen Pornoportalen im Abschnitt „Instructional“ (Aufklärung) ihre Clips auf?

Sexualpädagogik: Wichtiger Bestandteil der Sexualaufklärung

Die Sexualpädagogik wird im Klassenzimmer vermittelt, im Gruppenverband also; sie muss deshalb die Grundregeln der Pädagogik berücksichtigen und sich mit dem erforderlichen didaktischen Rüstzeug ausstatten wie das beispielhaft im Deutschen Let’s talk about Porno in Erscheinung tritt.

Diesbezüglich entsteht ein Problem: Gemäß österreichischem Manual soll die Sexualpädagogik nicht zum Experimentieren einladen:

« Sexualpädagogik soll keine Anleitung und Aufforderung zu sexuellen Handlungen bedeuten, sondern eine emotionale Auseinandersetzung in Verbindung mit Wissensvermittlung liefern »

Im Klartext:

Das Lernen im Umgang mit den Emotionen steht im Vordergrund und nicht die Erprobung von Wissensinhalten. Wir können dieser Meinung nicht uneingeschränkt beipflichten:
Sobald das übermittelte Wissen sich auf wissenschaftlich gefestigte Aussagen bezieht, schlittert der (österreichische) Pädagoge in eine unauflösbare Antinomie: Als Berichterstatter von wissenschaftlichen Inhalten über die Sexualität darf er, wie oben nahegelegt, die Intimsphäre nicht verletzen: sein Diskurs muss ganz auf der wissenschaftlichen und objektivierbaren Ebenen verharren. Als Pädagoge hingegen kommt er nicht darum herum, indirekt in die Privatsphäre vorzustoßen, um die Aufmerksamkeit der Klasse zu wecken. Aber er hat strenggenommen nicht das Recht, dieses Wissen als völlig neutrales Gebilde zu verbreiten. Denn dieses Wissen hat es wie bei jeder wissenschaftlichen Offenbarung in sich, Neugierde zu wecken und erprobt zu werden. Ein gewisses Experimentieren wird man dem Schüler nicht verbieten können.

Gibt es einen Weg aus dieser pädagogischen Antinomie, außer eben, dass man die wissenschaftliche Ebene auf eine derartige Abstraktionsebene hinaufschraubt, auf der die Schüler keine Anwendung mehr finden können?

Statt z. B. den Begriff des Höhepunktstages der symptothermalen Methode zu erklären, kann der Biologielehrer sich über Wochen in Dutzenden von Geschlechtshormonen verlieren. Die Sexualpädagogik hat der Sexualaufklärung häufig vorgeworfen, die emotionale Seite zu vernachlässigen. Das trifft tatsächlich zu. Z. B. redet der Biologielehrer intensiv über die natürlichen Hormone und vernachlässigt dabei, dass schon die Hälfte der Klasse unter künstlichen Hormonen steht!

Wir werfen umgekehrt der gegenwärtigen Sexualpädagogik hierzulande wie anderswo vor, die Erkenntnisse der Wissenschaft zu entstellen, unnötig zu komplizieren oder die falschen Inhalte auszuwählen, um sich zuletzt, der Arglist der Biomacht gehorchend, ohne sich dessen bewusst zu sein, Väterchen Pharma zu unterwerfen.

Die eigentliche Schwierigkeit der Sexualpädagogik liegt darin, dass sie wissenschaftliche Inhalte didaktisch richtig umsetzen und dabei emotional adäquat einbetten muss, ohne in das Mittelalter des Zizi sexuell oder des Portals ciao.ch (französische Version) zurückzufallen, wo man der Jugend verspricht, „in drei Tagen“ auf deren Fragen zu antworten, vorausgesetzt natürlich, die Frage sei kein Störfaktor für die sich abschottende Ideologie.

Unsere Hypothese zur Sexualpädagogik

Unsere Hypothese wird diese sexualpädagogische Antinomie überwinden. Dabei ist einzusehen, dass die jeweiligen Handlungsanleitungen ausgeglichen werden durch eine Erziehung hin zur Verantwortung für den eigenen Körper, für den Körper des Partners und hin auf den Respekt in der Kommunikation. Übrigens werden diese drei letzteren Punkte von der gegenwärtigen Sexualpädagogik allgemein anerkannt, auch von profa.ch!

Es ist ganz wichtig, hier auf diese Übereinstimmung hinzuweisen, um zu verstehen, dass unsere nachfolgende Hypothese nicht auf einer einsamen Insel entstanden ist, sondern auf einem sozialen Konsensen aufbaut. Wir behaupten mit unserer Hypothese, dass wir den Anforderungen an eine verbesserte zwischengeschlechtliche Kommunikation und an die Selbstverantwortung gerecht werden.

Hinsichtlich der Pornografie, um auf das Thema zurückzukommen, stehen die Sexualpädagogen in der Zwickmühle: im Rahmen des eines jeglichen Schulbetriebs ist das gemeinsame Ansehen von pornografischem Material undenkbar, nicht allein deshalb, weil diese Clips unter 18 bzw. in der Schweiz und in Österreich unter 16 Jahren verboten sind, sondern vielmehr, weil sie das Schamgefühl der Schüler missachten, auch wenn sie ihr Einverständnis dazu abgegeben hätten, sich der Übung zu unterziehen, den „guten“ Porno vom „schlechten“, frauenfeindlichen zu trennen.

Wo wäre bei diesem Ansatz übrigens die Grenze zwischen gut und schlecht?

Diese Frage steht nach wie vor im Raum, auch wenn das Deutsche Manual behauptet „Es gibt keine richtige oder falsche Beurteilung eines Pornos” und diese Frage indirekt als redundant abtut. Denn wenn jegliche Art der Pornobeurteilung gleichwertig ist, wird es nicht mehr möglich, Werturteile zu fällen. Zudem lädt eben das Lernprojekt 6 die Jugendlichen über 18 dazu ein, über die adäquate Definition nachzudenken:

Der „schlechte“ Porno ist ganz deutlich sexistisch und frauenfeindlich, der „gute“ wäre es nicht. Um hier schlüssige Antworten zu erzielen, müssten verschiedene Forscher sich zuvor dazu geäußert haben. Diese Methodik wird durchaus in anderen Gebieten angewendet, zum Beispiel in der Kunstgeschichte oder bei Musikinterpretationen.

In der Pornografie existiert noch keine derartige Kultur und außer einigen oft schon veralteten und für die Jugend völlig belanglosen wissenschaftlichen Studien, fehlt ein solcher gesellschaftlicher Konsens durchs Band. Gerade in dieser Hinsicht entwaffnet uns die Pornografie einmal mehr, die ihre Märkte über eine nicht kommunizierte Intimität, also im Verborgenen, erobert. Jede Person wird schließlich auf sich selbst zurückgeworfen, denn ein oder zwei Gespräche mit einem sogenannten Experten erlauben es ihr nicht, auf eine verbindliche Konsensebene zu gelangen. Denn was sie und er gesehen haben, ist gewiss nicht das gleiche und findet deshalb auch keinen gemeinsamen Nenner.

Der erste Männerdelegierte in der Schweiz, Markus Theunert, der Anfang Juli 2012 Beauftragter für Männerfragen im Kanton Zürich wurde, musste am 23. 2012 seinen Platz schon wieder räumen, als die Medien auf seiner Homepage männer.ch entdeckten, dass er das Ansehen von Pornografie in der Schule bei unter 16 Jährigen aus erzieherischen Zwecken für sinnvoll erachtete. Wie gesagt, müssten zunächst Erwachsene wie Theunert, die sich, so nehme ich an, mit Youporn etc. gründlich auseinandergesetzt haben, unter sich einen Konsens finden und ihre Pornografie-Kriterien danach öffentlich bekannt geben und zur Diskussion stellen.

In Hinsicht auf die sogenannten „weichen Drogen“ (Pornosucht | Was ist Sexsucht?) herrscht ein gewisser Konsens im Sinne von: „Ein wenig ist zulässig, vielleicht sogar gut, zuviel ist schädlich.“ Haschisch Rauchende können seit kurzem in der Schweiz mit einer Geldbusse also ähnlich wie bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung rechnen. Doch eine solche Maxime passt nicht auf den Pornografiekonsum. Auch die Warnung „nie damit anzufangen“ erfasst das Pornophänomen nicht, das sich dem Auge des Kindes und des Jugendlichen aufdrängt, ohne dass damit eine besondere Konsumanstrengung verbunden wäre. Das einzige plausible Ergebnis, das wir aus der Forschung (vgl. Kapitel I) entnehmen können, lautet: Die Kinder sollen so lange wie möglich von diesen Bildern ferngehalten bleiben, um kein Sexsuchtpotential für spätere Jahre aufzubauen.

Sexualpädagogik zur Prävention

Vorangegangene Überlegungen mögen einige Gründe aufgezeigt haben, die die intrinsische Schwäche der Primärprävention nahelegen. Wir, die Erwachsenen, können uns wirklich nicht auf den Konsens einer Pornoclip-Auswahl berufen und bestimmen, was dabei besonders interessant und bereichernd wäre, um eine „erfüllende“ Sexualität zu erlernen; wir sind, wenn es darauf ankommt, gezwungen, unser persönliche Meinung und unsere Erfahrung mit dem anderen auszutauschen. Das geschieht aber bisher nicht.

Diese Arbeit ist ein erster ernsthafter Anstoß dazu. Jetzt wird verständlich, weshalb wir in den Deutschen und österreichischen Manualen derart unverbindliche und zaghafte Aussagen finden. Die gegenwärtige schwierige Ausgangslage soll uns jedoch keinesfalls daran hindern, Kriterien herauszuarbeiten, aufgrund deren der unverbindliche Sprachgebrauch überwunden werden kann. Wir wollen versuchen, klare und eindeutige Urteile zu erarbeiten. Diese sind insofern notwendig, als wir Erwachsenen die Identifikationsfiguren des Jugendlichen bleiben und ihnen Kohärenz und Wahrhaftigkeit schuldig sind.

Zu dieser Problematik gesellt sich ein zweites Hindernis: Selbst wenn wir Pädagogen im Rahmen eines (bis jetzt nichtexistierenden) Konsenses vorgehen könnten, sind wir nach dem Betrachten des Pornomaterials letztlich auf die Sprache zurückgeworfen, um diese Thematik zu behandeln.

Von daher lässt sich die Wichtigkeit verstehen, die richtige Sprache zu finden, eine, die nicht provozierend, aber auch nicht ausweichend, weder rechthaberisch noch permissiv ist, eine Sprache also, die in der Intimsphäre wirken soll, aber ohne sie zu verletzen. Diese aller gesunden Sexualpädagogik zugrunde liegende Anforderung wurde seinerzeit vom Gründer der profa in den siebziger Jahren, Charles Bugnon, schon formuliert: Wie lässt sich eine respektvolle Sprache finden, ohne die Schüler einzuschläfern, ohne sie zum Kichern zu bringen? Und: Wie können sie lernen, letztlich selber besser über ihre Sexualität zu kommunizieren?

Sexualpädagogik damals und heute

In den sechziger Jahren konnte der Pädagoge noch ohne weiteren Details über den Sexualverkehr sprechen, heute muss er den Analverkehr und die Fellatio ansprechen und sich auf das Ausrasten gewisser Schüler gefasst machen, die ihn mit Ausrufen wie „Lutsch mich mal aus dem Konzept bringen wollen. Um dieser derzeitigen Banalisierung entgegenzuwirken, macht es Sinn, einleitend auf die amerikanische Gesetzgebung hinzuweisen, bei der eine Fellatio ohne explizites Einverständnis der Frau bis zu 25 Jahren Gefängnis bestraft werden kann… Jede Erkenntnis ist risikobehaftet.

Der didaktisch-pädagogische Weg muss also eine Erkenntnis fördern, die unabhängig davon, dass sie ein Risiko trägt, notwendig für die Entwicklung des Jugendlichen und dessen Kreativität ist. Durch die Vermittlung einer solchen Erkenntnis soll aber gleichzeitig ein innerer (seelischer) Schutz entstehen, eine Öffnung auch gegenüber anderen Verständnisweisen, ein kritischer Blick vor dogmatischen Positionen, kurz:

Durch die didaktisch-pädagogische Wissensvermittlung im Sexualbereich entsteht eine verstärkte Autonomie, verbunden aber mit einem erhöhten Verantwortlichkeitsgefühl, Hauptziel einer jeglichen Pädagogik. Im Porno verwandelt sich die lächerliche bis ekelerregende Wiederholung der zum Verwechseln ähnlichen Sequenzen zu einem dogmatischen Fast-Food-Ritual, das von einem bedenklichen Riesenerfolg gekrönt ist, weil es in diesem Alles-gleich-Jetzt keinerlei Verantwortung zu übernehmen gilt.

Auftrag an die Sexaualpädagogen

Der Sexualpädagoge, der von diesem Alles-gleich-Jetzt auf die Probe gestellt wird, soll deshalb nicht davor zurückschrecken, eine Art Katharsis, einen reinigenden oder zumindest klärenden Bewusstseinsprozess in Gang zu bringen: das Gekicher oder der entwaffnende Schülerwitz vermag den Dialog nur dann abzutöten, wenn der Pädagoge nicht gemerkt hat, dass damit eine kodierte Botschaft vermittelt wurde, z. B. der Ausdruck der verdeckten Scham oder eines Schuldgefühls, das sich durch das Gekicher befreien möchte und deshalb die ganze Klasse in Bewegung bringt, oder im Gegenteil, eine Provokation, die ebenso eine verdeckte Botschaft beinhaltet.

Seltsamerweise ist in all den sonst erstaunlichen Arbeiten zur neueren Sexualpädagogik, die ich gesichtet hatte, die Dimension des Schuld- und Schamgefühls kaum erwähnt, praktisch abwesend. Dabei dürfte bekannt sein, dass vor allem Jugendliche, die keinen verbindlichen Sozialcode der Erwachsenenwelt anwenden oder sich dagegen stemmen können, wie umherstreunende Hunde in archaische und machoartige Stammesgesetze zurückfallen, die von Ehr- und Schamgefühlen gegenüber den Gleichaltrigen durchtränkt sind.

Diese Stammesehrencodes verlangen von den Jungs, dass sie mit Mädchen „viel Erfahrung“ haben, gemeint ist, schon mit vielen geschlafen haben oder zumindest diesen Eindruck vermitteln. Ohne eine derartige vorgespielte oder echte Liste muss er sich „ganz schön schämen“, ist er ein „Nobody“. Derselbe Ehrencode verlangt vom Mädchen jedoch umgekehrt, dass sie sich nicht irgendeinem Jungen hingibt, ansonsten sie sich als „Schlampe“ in Grund und Boden „schämen muss“ und ihr die Verachtung der Gleichaltrigen ins Gesicht schlägt.

Es verbleibt die archaische Erwartung an Mädchen, „rein“ zu bleiben, an die „coolness“ der Jungen, möglichst keine Emotionen zu zeigen. Simone de Beauvoir und ihre Genossinnen würden sich im Grabe herumdrehen vor diesem Rückfall der Jugend in diese schreienden Sexrollenclichés.

Die Biologie will es aber, dass der Jugendliche zur Herausbildung seiner sexuellen Identität während der Pubertät ganz klar wissen muss, was als männlich gilt und was weiblich. Oben haben wir beim Besprechen von sexwecan.at gesehen, dass die an die männliche und weibliche Fruchtbarkeit gebundenen Archetypen besonders respektiert werden, weil sie für die Persönlichkeitsbildung grundlegend sind. Als Erwachsene müssen wir einsehen, diese übertriebenen Sexualarchetypen im Aufklärungsunterricht notwendig sind. Wir sollen also nicht, wie das Mode ist, in einen Gleichberechtigungsdiskurs abdriften, der ideologisch behauptet, dass weder das Männliche noch das Weiblich an sich existiere und dass die geschlechtliche Polarität nur von der Gesellschaft aufgezwungene Rollenkonstrukte sind, bei denen die Frauen systematisch benachteiligt werden. Dieser Diskurs kommt erstens zu früh und zweitens wird er oft als absolute Wahrheit hingestellt, was natürlich völlig absurd ist.

Wäre es sinnvoll, die No-No-Liste von Youporn zu diskutieren (welche mit der „Cambia“-Liste die amerikanischen Pornogesetzgebung aufgenommen hat), um mit den Schülern herauszufinden, ob die Unterscheidung in guten und schlechten Porno einen Sinn macht?

Für diejenigen Schüler, die nur wenige oder gar keine Pornoclips gesehen haben, sind gewisse auf der Liste aufgeführten, also „erlaubten“ Sexpraktiken extrem aufwühlend – z. B. das Bukakke – und schockierend, vor allem unter einer gewissen Altersgrenze. Das deutsche Manual verlangt ausdrücklich, dass die „mit Peinlichkeit und Scham verbunde Pronographie“ nicht vor 14 Jahren, aber freilich immer ohne Bildmaterial, behandelt werden soll.

Bei anderen Sexpraktiken ist die Situation klar: sie stehen unter Strafe – Pädophilie und Gewaltsex – und sind in der Presse ausreichend präsent. Wenigstens ein Thema, bei dem Konsens herrscht. Andere Gesetzesrichtlinien, die verbieten, Nahrungsmittel als Sexualobjekt zu benützen oder dass sich eine schwangere Frau als Pornodarstellerin zeigt, könnten hingegen wieder Diskussionsgegenstand werden. Es geht um den uneingeschränkten Respekt vor Nahrung und schwangeren Frauen. Eine Auswahl der auf der No-No-List aufgeführten Sexpraktiken von Youporn (Anhang) könnte also zur Klassendiskussion werden.

Im Klartext:

Der alte Witz unter den Jungs, wonach die Nonnen sich über ganze Karotten freuen, aber nicht über geriebene, würde, als Clip dargestellt, unter das amerikanische Pornografiegesetz fallen und auch von der No-No-Liste abgelehnt werden, wobei das Masturbieren mit einer Gurke in den siebziger Jahren gang und gäbe war.

Interessant ist die Entwicklung hin zu mehr Einschränkungen: gewisse übliche Pornopraktiken der siebziger, achtziger und neunziger Jahre in den USA wurden allmählich illegal und demnach von der „Adult Industry“, die ungern schwarze Schafe sieht, ebenfalls gemieden. Für die 16 Jährigen und darüber könnte man den gängigen Porno, nachdem man sexwecan.at in der Klasse durchgenommen hat, auf die drei am meisten gezeigten Praktiken beschränken, damit sie diese besser in ihrem Gehirn verarbeiten können: Fellatio, Sodomie, Sex mit drei Menschen und mehr (zwei Männer und eine Frau mit doppelter Penetration der Frau durch zwei Männer (einschließlich der Varianten Mund – Anus/Vagina –Anus ; 2 Mal Vagina bzw. Anus, usw.) oder zwei Frauen mit einem Mann).

Im Gegensatz zu den im Deutschen Manual aufgestellten sprachlichen und weltanschaulichen Neutralitätsbestrebungen sind wir der Meinung, dass der Pädagoge zu diesen Praktiken selbst Stellung nehmen, um eine glaubhafte Primärprävention zu entfalten. Diese Prävention kann ganz unterschiedlich sein, je nach dem, ob wir ohne langes Zögern davon ausgehen, dass alles, was man zurzeit sehen kann, akzeptabel ist (diese Position finden wir in dem sonst meisterhaft ausgearbeiteten Deutschen und im Österreichischen Manual) oder ob wir ganz im Gegenteil jegliche Form von Pornografie diskussionslos ablehnen (Position der Evangelikalen, Muslim oder strengen Katholiken) oder ob wir klare Nuancen fordern, z. B. „Die Fellatio, die Ejakulation auf den Frauenkörper, der Analverkehr und der Dreiersex sind im Internet verboten“.
Diese Position werden wir im Kommenden vertreten.

Wie also soll der Pädagoge reagieren, wenn die Jungen mit Ausdrücken, die vor der Pornoära noch gar nicht existierten, auf die Mädchen losziehen wie „Lutsch mir einen runter“ oder „nur eine sodomisierte Frau ist eine emanzipierte Frau“, oder, umgekehrt, wenn die kaum pubertären Mädchen die gleichaltrigen Jungen mir nichts dir nichts mit „ich lutsch dir einen“ provozieren und völlig sprachlos werden lassen.

Wie soll der Pädagoge der direkt durch den Porno inspirierten rohen Neomachotendenz entgegenwirken, bei dem sämtlicher romantischer Charme, das Geheimnis der Begegnung, wie weggeblasen ist?

Es müssten unter den Jugendlichen weitere Studien wie die kanadische oder jene jüngeren Datums in Deutschland gemacht werden. Solche Studien sind gewiss unerlässlich, um nicht an der Jugend vorbeizureden, um sie dort abzuholen, wo sie sind, um einen Dialog entstehen zu lassen und das allgemeine Malaise auszuloten. Trotzdem genügen solche Studien nicht, wenn es darum geht, der Jugend das begriffliche Rüstzeug zu vermitteln und in ihren intimen Einstellungen zu festigen, mit denen sie dem Porno-Tsunami gleichmütig standhalten oder ihn psychisch verarbeiten können. Genau das ist das Ziel einer Primärprävention.

Es bieten sich hierzu zwei Strategien an, die wir nachfolgend entfalten:

  1. Wie soll vom Körper insgesamt gesprochen werden, nicht nur von dessen Geschlechtlichkeit, und wie soll der Porno parodiert werden?
  2. Mit welcher Ethik können die Sexualpraktiken in gewünschte und nichtgewünschte (allenfalls auch solche, die durch die heutige Gesellschaft sowie den Mainstreamporno längst akzeptiert sind) unterteilt werden?

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