Ihr grosses Buch 1

April 11, 2014

Lieber Herr Walther,

Ich habe mich über Ihr Schreiben ganz riesig gefreut und möchte Sie auch nicht in ein endloses philosophisches Gespräch verwickeln!

Ich empfehle Ihnen zur gründlichen Lektüre vornehmlich das “juristische” Kapitel 1: Wenn in Ihrem Lande diese Debatte wieder “hochkocht”, dann sollte dort genügend Denkenergie, sollten genügend Lösungsansätze verborgen sein! Schliesslich setzt sich mein Dreistufenkonzept, das ich juristisch in diesem Kapitel 1 aufgezogen habe, in der Schweiz allmählich durch: im Waadtland gibt es seit 2012 ein Gesetz im Anschluss an eine Kantonale Volksinitiative, das die Suizidhilfe in Altenheimen und Spitälern regelt!  Ganz im Sinne von dem, was in L&ST schon steht. Weiss man das bei Ihnen? In den meisten anderen Kantonen sind diese Handlungen erlaubt, aber noch nicht geregelt, eine gesamtschweizerische Regelung ist nur noch eine Frage der Zeit. Auch wird sich die Idee der aktiven Sterbehilfe auf Stufe 3 (also die Schweizer Lösung im Gegensatz zur holländischen) durchsetzen. Also: aktive Sterbehilfe im grossen Extremfall auch für Minderjährige wie in Belgien, das ist kompatibel mit diesem Konzept.

Wieso kommt denn in Deutschland niemand auf dieses erste Kapitel bei dieser Diskussion? Wo klemmt da bei ihnen der Schuh?

Sterbefasten siedle ich ganz eindeutig auf Stufe eins meines Drei-Stufen-Konzepts an, also im Bereich der Palliativpflege, und gerade nicht auf Stufe 2, der Suizidhilfe, wie das in Ihrem Buch der Fall zu sein scheint.

Leider hatte ich in L&ST noch keine gründliche Fastenerfahrung, obwohl die Ars moriendi schon damals ganz oben auf der Dringlichkeitsliste stand: wie bereite ich mich auf das Sterben vor? Wir wollen ja alle möglichst “gut” sterben. Eine wichtige Antwort: durch regelmässiges Gesundheitsfasten! Sterbefasten untersuchen zu wollen an Menschen, die selber keine Fastenerfahrung haben, greift deshalb viel zu kurz (Projekt Fringer). Fasten ist ein Grundzustand im Leben bzw. sollte es einmal werden und kein Ausnahmezustand. Diese Aussage passt nicht in unsere gegenwärtige Konsumsüchtigkeit.

Es gibt heute viele Kulturchristen (wodurch eine historische Wurzel bezeichnet wird) und noch mehr spirituelle Atheisten (diese Haltung erweist sich in emotionalen Erlebnissen und rituellen Handlungen, die einem gut tun). Ich gehöre ein wenig zu beiden. Die Rede über Gott ist suspekt (“ich glaube an Gott, den es nicht gibt” – ja das macht Sinn, darüber gibt es ein Buch), die Rede über Jesus nicht: man kann sich auch heute noch ungetrübt von diesem Vorbild inspirieren lassen, aber nicht unbedingt innerhalb der kirchlichen Strukturen.

Wenn dieses Dreistufenkonzept einleuchtet, braucht es tatsächlich keine Kapitel 6 und 7. Das Kapitel 5 über das Leiden hingegen, das ich ursprünglich als Atheist zu schreiben bekonnen hatte, finde ich wesentlich. In der ganzen theologischen Diskussion versuche ich von einem sehr katholischen Standpunkt aus (der mir viel näher steht das der laue protestantische) meine durch und durch Vatikan-feindlichen Gesetzesvorschläge zu rechtfertigen. Sogenannt Gegensätzliches wird zuammengeschweisst. Dieses Gratwandern und zum teil unnötig weite “Beweisen” (S. 437), das fugenartige Wiederholen von z.T. weit auseinanderliegenden Themen ist in diesem Buch ganz typisch.

In Kapitel 4 wird die Suizidhilfe ausführlich an der damaligen Praxis, die von der heutigen nicht abweicht, besprochen. In 4.4.6 stossen Sie dann auf einen Vorschlag, der noch weiter geht als das Suizidhilferecht für Serial Killer und Frauen- und Kinderschänder, die lebenslänglich sitzen.

Bei “calvinistisch” thematisiere ich Max Webers Wirtschaftsprotestantismus, es geht dort um Wirtschaftliches, nicht Theologisches, zu Ihrer Beruhigung.

Sie haben sich recht tief in das Buch hineingebissen, und das freut mich!

Gerne würde ich an der Sterbediskussion wieder teilnehmen und bin Ihnen für jede interessante Neuigkeit dankbar; zurzeit gilt meine ganze Energie der Zyklusaufklärung bei den sogenannten emanzipierten Frauen, die nur Falsches über ihren Zyklus wissen und jeden morgen vor dem Spiegel “Heil Bayer” sich ins Gesicht rufen, indem sie ihre (heilige) Pille einwerfen. Zu diesem Zweck habe ich sympto.org entwickelt, das weltweit beste Zyklusbeobachtungs- und Auswertungssystem.

Ich freue mich sehr, gelegentlich wieder von Ihnen zu vernehmen und wünsche Ihnen alles Gute bis dahin.

Ihr
Harri Wettstein


Harri Wettstein, Dr en psy.Sécheron 8 – CH-1132 Lully VD
phone +41 21 802 44 18  fax +41 21 802 37 35
skype: sympto.ch
www.harri-wettstein.de
www.symptotherm.ch
www.Symptos.ch
Le 23.02.14 17:09,
Christian Walther a écrit :

Lieber Herr Wettstein,

Sie haben sicher mitbekommen, dass seit einger Zeit die „Sterbehilfedebatt“ hierzulande wieder hochkocht. Das hat auch für mich allerlei Einsatz, vor allem auch Nachdenken über Projekte geführt, und das Lesen in Büchern ist dabei eher zu kurz gekommen. Bin immer noch nicht fertig mit dem Buch von P. Baumann, dessen Neuauflage demnächst erscheint und die ich dann wohl auch irgendwo besprechen werde;  auch das Büchlein von R. Jox ist erst zur Hälfte gelesen, und Ihr Buch „Leben- und Sterbenkönnen“ lag zwar etwas abseits, aber sozusagen anklagend….

Ich habe die Muße des Tages genutzt, um meinen Umgang mit Ihrem Buch endlich für mich zu klären und Ihnen zu erklären. Leider ist zunächst ohne Herumreden zuzugeben, dass ich meine Befassung mit dem gesamten Themenkomplex (der mir seit ca. 20 Monaten mehrere Tage pro Woche geradezu wegfrißt) sehr unter dem Gesichtspunkt „Zeitökonomie“ stehen  MUSS. Damit liegt bei konkreten Überlegungen der Griff zu IHREM Buch nicht immer auf der Hand, zumal es nur einen Autorenindex aber kein Sachregister aufweist. Problematisch ist für mich auch das nicht wieder ignorierbare Wissen darum, dass es ausgeprägt theologische oder philosophisch-theologische Gedankengänge gibt, die ja nicht Selbstzweck sind, sondern immer wieder – wenn auch nicht immer ganz geradewegs – zu Folgerungen zu Details des Sterbehilfe-Themas führen.

Ich war zwar ausgeprägt protestantisch im meiner Pubertät und frühen Jugendzeit, habe dann aber doch eine partielle Kehrtwende gemacht und fühle mich schon lange nur noch als „Kulturchrist“, der sich allerdings auch für wissenschaftliche, freie Untersuchungen  zur Frage, wie sich die abendländische Kultur entwickelt hat, interessieren würde (so es denn welche gibt, die nicht ganz offenkundig an einer ideologischen Schlagseite leiden). Für mein ganzes Argumentieren beim Thema Sterbehilfe ist jedoch das christliche Denken – das ja übrigens extrem vielfältig ist – unerheblich.

Somit fallen schon die Kapitel 5 – 7 IHres Buches für mich fast vollständig „flach“. In den anderen werde ich in Zukunft gelegentlich herumlesen, und natürlich erwarte ich hin und wieder eine mir neue und wichtige Sichtweise.

Nun noch ein paar Anmerkungen zu der heutigen Stichproben-Lektüre:
a) Was so etwa auf S. 437 beginnt und sich mit der Drogenproblematik befaßt, ist sowohl im Hinblick auf die Gesellschaft als auch per se im Sinne einer „intellectual exercise“ für mich interessant. Allerdings scheint es mir nicht nötig, sich damit zu befassen um, sozusagen erst auf dieser Basis, dann die – natürlich richtige – Aussage auf s. 442 zu machen, die mit „“DER Zustand des Terminalkranken ist legitimiert.“

b) S. 498 Beim vorletzten Abs. stört mich, dass die Aussagen sozusagen digital sind. Unsere Leidensfähigkeit mag irgendwann „vernichtet“ sein, aber ist die quasi 100%ige Beseitigung argumentativ denn relevant? Wie, wenn – rein theoretisch – noch 25% übrig wären?

c) Wenn ich „calvinistisch“ lese, gehen bei mir eher die Scheuklappen runter…,  so etwa beim letzten Absatz auf S. 631. Und da der Tod für mich einfach etwas Endgültiges und das Nachdenken über ein „danach“ für MICH entbehrlich ist, komme ich eben auch kaum über Stichproben bei Kap. 7 hinaus, obwohl das ja auch stark psychologisch angegangen werden könnte.

Ich möchte es damit bewenden lassen – und ich bin mir sicher, dass an Theologie interessierte LeserInnen vieles in Ihrem Buch sozusagen „fressen“ werden. Hinzu kommt ja eine schon extreme Bereitschaft, Aspekte mal rein theoretisch und sehr konsequent durchzudenken, auch wenn es zu Befremdlichem dabei kommt – etwa der Idee, ein zu „lebenslänglich“ Verurteilter möge zwischn „absitzen“ und Suizid wählen dürfen.

Ich hoffe, dass – bei all IHrem  intellektuellen Elan – meine paar Rückmeldungen nicht dazu führen, detailliert zu erwidern. Ich könnte und WOLLTE da nicht mithalten. Meine Gedanken werden vor allem fürs Nahe benötigt…

Falls wir die „connection“ weiter durch gelegentliche Mails pflegen wollen, dann, was mich betrifft, am liebsten anahnd ganz konkreter Infos zu dem, was an Vorgängen, Äußerungen, Gerichtsentscheidungen o.ä. in letzter zeit besonders interessant war.

In diesem Sinne zwei Infos: Es gibt an der Fachhochschule St. Gallen einen Herrn Dr. Fringer, der ein wissenschaftl. Projekt zum FVNV auflegen will, derzeit aber noch sehen muß, ob und wo er dafür die Gelder erhält. Ferner: Im Spätherbst wurde ich von einer Journalistin einer führenden dt. Wochenzeitung angerufen: Sie interessiere sich für das Thema FVNF und wolle einen Artikel schreiben; die Kollegen von der Redaktion seien von der Idee angetan. Ich und andere haben ihr dann viel an Ideen u. Kontakten angedient, aber der Artikel ist bis heute nicht erschienen, und nun glaube ich, dass er einer Zensur der Redaktion zum Opfer gefallen ist. Ich soll den Namen der Zeitung noch eine Weile nicht nennen.

Soviel für heute, und beste Grüße
Christian Walther

Feldbergstr.22
35043 Marburg
Tel 06421-47291
Fax 06421-6082330

christian.walther@online.de

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